Montag, 20. Februar 2012

Wo bleibt das soziale Gewissen


Ich beneide* Mitmenschen, welche es im Leben einfach toll und zu etwas gebracht haben. Egal ob politisches Amt oder einen Kaderstelle, nichts trübt den strahlend blauen Alltagshimmel. 

Eines vereint jedoch all diese Optimisten. Sie verdrängen einfach, dass es sehr schnell gehen kann, dass sich dieses Hoch verändern kann. Ein Unfall, eine Erbkrankheit, einen schwere Erkrankung und damit verbundene anschliessende Arbeitsunfähigkeit und sehr bald ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Ja anfangs geht es noch. Da ist der Schock über Krebs oder den Verlust von Gliedmassen noch im Zentrum der Emotionen. 

Ich erlebe es derzeit mit meiner Frau, was es heisst, wenn man die kleinsten Sachen nicht mehr selbständig erledigen kann. Im Hoch unserer Lebensphase strotzen wir beide noch voll Optimismus. Engagierten uns im sozialen Bereich. All die Arbeiten die wir jetzt erledigen wollen, wären uns damals rasch von der Hand gegangen. Heute sieht es allerdings anders aus. Als Herzrisikopatient (für ein Spenderherz zu alt!) mit kaputter Hüfte, Diabetes und Bandscheibenschaden und weiteren kleinen Wehwechen wie Schnappfinger wird jeder Handgriff zum Kraftakt. Mit dem bestehenden Narkoserisiko wird auch ncihts mehr operiert. Meine Frau hat auch ihren Teil abbekommen. 4 Wirbeln verschraubt und vor 3 Jahren die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Diese wurde inzwischen entfernt und aus einem Teil des Magens eine neue geformt. Das allerdings reicht nicht für eine IV, für welche sie 40 Jahre Beiträge bezahlt hat. An den Schaltstellen sitzen eben diese Erfolgstypen und strotzen vor Kraft. Meinen Frau erhielt  keinerlei  Anerkennung für die jahrelange Pflege ihrer Mutter im Rollstuhl. Persönlich hat sie dies alles gerne gemacht. Trotz der Einschränkungen im Alltagsablauf.  Teilzeitstelle, Arztbesuche, Pflege und Verpflegung.

Eine Wohnung mit dieser Ausgangssituation zu entrümpeln ist fast unlösbar. Dazu kommt ein mentales Loslassen von geliebten Dingen. Damit hat speziell meinen Frau ihre Schwierigkeiten. Man hängt an gewissen Dingen und doch muss/soll man sich davon trennen. Jetzt  funktioniert der Kopf  noch halbwegs. Druch die Narkosen wird das Gehirn beeinflusst. Aber wie wird es in ein paar Jahren aussehen,vorausgesetzt sie werden uns noch geschenkt.  

Soziales Abseits

Wo sind all die Freunde, die ehemaligen Bedürftige denen wir helfen konnten, Familie und Kinder die eventuell einspringen könnten? Ein Teil davon hat sich verabschiedet, weil sie der Meinung sind, Krebs sei ansteckend. Die Kinder sind im Ausland. Andererseits ist es einen bekannte Tatsache, dass man im Alter mehr und mehr sozial isoliert wird. Vor allem wenn man inmobil ist. Jetzt heisst es eben gemeinsam mit einer sozialen Einrichtung zu entsorgen und von dem ohnehin sparsamen Einkommen zu bezahlen. Möbel, Einrichtung, Ordner, Bücher, Bekleidung geht alles dorthin und wird verteilt. Für manches lässt sich noch Geld machen. Das ist für uns jedoch auch futsch. 

Warum ich ihnen das alles erzähle? Weil es mir immer mehr hochkommt, wie man heute mit IV-Rentnern teils umgeht. Das soziale Umfeld bestimmt die Lebensqualität. Exbundesräte, Politiker und Kaderleute haben sicher weniger finanzielle Sorgen, als der Kleinstverdiener. Die andere Seite ist die laufende IV-Revision und die Mentalität der Politiker. Der Bundesrat hat im Wissen, dass die beschlossenen und in Kraft gesetzten Massnahmen nicht genügen werden, um nach Ablauf der bis Ende 2017 befristeten Mehrwertsteuererhöhung um 0,4 Prozentpunkte die Balance halten und die Schulden tilgen zu können, weitere Anstrengungen unternommen und im Rahmen des Sanierungsplanes mit der 6. IV-Revision ein zweites Massnahmenpaket mit sieben weiteren Teilmassnahmen beschlossen. Dieses zweite Massnahmenpaket ist Inhalt der nun zu behandelnden Botschaft und beinhaltet die folgenden sieben Massnahmen. Nachzulesen hier

Aus dem Protokoll: Seitens der SP heisst es: Ich begründe den Minderheitsantrag auf Rückweisung, doch zuerst eine Vorbemerkung: Wir unterstützen das Ziel, die IV zu sanieren und die 15 Milliarden Franken Schulden an die AHV zurückzuzahlen. Das ist klar. Weshalb also der Rückweisungsantrag?  Wir halten die Ausgestaltung der IV-Revision 6b für überhastet und auch unseriös. Weshalb? Erstens wurden die vorhergehenden Revisionen, also 5 und 6a, nicht ausgewertet. Die Revision 6a tritt ja auf den 1. Januar 2012 überhaupt erst in Kraft. Das heisst, wir haben keine Ahnung, ob die geplante Integration von 17 000 IV-Rentnerinnen und -Rentnern gelingen wird.

Ja und die im letzten Jahr zum grossen Teil gesprochenen Urteile beim Bundesgericht, lassen auch eher einen  politischen denn einen rechtlichen Aspekt erkennen. 29,5% der Sozialhilfebezüger zwischen 46 und 63/64 haben eine dauernde Behinderung und erhalten keine (oder ungenügende) IV-Leistungen (Link). Diejenigen, welche es überhaupt bis zum Bundesgericht schaffen, werden mit Urteilen konfrontiert, die so nicht den Willen des Art. 1 der Verfassung ausdrücken. Für jeden christlichen denkenden Menschen eine herbe Enttäuschung.

Art. 1(Präambel) .... im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,…. dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen ...

Abgesehen vom menschlichen Aspekt. Darum beneide ich, wie eingangs erwähnt , Mitmenschen, die aus ihrer Sicht frei und ohne sich um das Wohl anderer zu kümmern, ihr Leben (Dasein) gestalten . Noch dazu als gesunde Menschen, welche die Karriereleiter erklommen haben und sich als Richter, Politiker oder Leiter einer Fachabteilung verdingen. Vielen fehlt schlichtweg der Kontakt und das Feeling zur Basis. Es fehlt (betriebsblind) die reale Vorstellung, was es heisst behindert und schwer krank zu sein. Jeden Franken zweimal umzudrehen. Die Parteien murksen an der IV-Revision herum, als ob es kein Morgen mehr gibt. Und die Presse kann sich nicht zur Lobbyarbeit, wie sie es anderorts sehr wohl beherrscht, durchringen. 

Deshalb beneide ich solche Leute. Sie sehen nur sich selbst, erleben ihren Wohlstand, ihre Lebnsumstände. Was kümmern mich die andern. Aber wehe es erwischt sie selbst. Jahrelang habe ich sie als Bettnachbarn im Krankenhaus erlebt. Und das ist das einzige gerechte was uns letztendlich wieder auf eine Ebene bringt – Gesundheit und Wohlergehen kann man sich nicht kaufen. Nein ich beneide sie da wirklich nicht – eher kann man von Bedauern sprechen. Harte Burschen werden plötzlich windelweich. Manchmal gibt es doch noch einen kleinen gottesgerechten Ausgleich. Und das finde ich gut so. Künftig darf der Sparwahn auf Kosten behinderter Menschen jedoch nicht so aussehen:


Standardsparrollstuhl Modell IV/2012 alternativ ??
(satirisch betrachte)   

* nicht wirklich