Der Blick ins Leben der realen Welt via Internet und DSL-Anschluss gehört zu meinem und vieler anderer gewohnten Alltag. Heute lade ich sie ein, mich ein kurzes Stück* zu begleiten. Nur selten kann ich die letzte Zeit unsere Wohnung verlassen und erlebe so den grössten Teil des Alltags via WWW.
Nach einer unruhigen Nacht, mit mehreren Zwischenstopps am WC, kann es schon mal 9 Uhr werden, bis mein Tag beginnt. Zuwenig um die fehlende Zeit der Nacht zu kompensieren. Mühsam setze ich mich im Bett auf. Der Fön nagt an meinen Knochen. Der Schädel brummt. Es braucht ein paar Schritte bis ich mich halbwegs sicher bewegen kann. Zuerst muss ich mich noch vom Sauerstoffkonzentrator trennen, mit dem ich über Nacht verbunden war. Dann geht’s zum morgendlichen Ritual Bad, Insulin spritzen, Zuckerwerte messen usw. Gemeinsam mit meiner Frau trinke ich den ersten Cafe des Tages. Dazu ein oder zwei Scheiben Nuss- oder Kartoffelbrot mit neutralem Frischkäse. Dem folgt dann die Einnahme der täglichen Medikamente – aufgeteilt auf zwei kleine blaue Becherchen, wie sie der ein oder andere vielleicht aus dem Krankenhaus kennt. Die Pillchen sind willkürlich aufgeteilt. Sie auf einmal reinzuschütten wäre dann doch nicht sehr verträglich. So würge ich mit viel Wasser die morgendliche Ration runter. 14 Stück Trockenfrühstück zum Munter werden. Dabei wundert es mich immer wieder, wie die einzelnen Wirkstoffe ihr Ziel im Körper erreichen oder andocken. Nach diesem täglich wiederholenden, notwendigen Prozedere noch rasch ein Besuch im Bad. Die Frisur sitzt.
Inzwischen hat sich der PC hochgefahren und ein Blick auf das Lämpchen zeigt mir, ob der Tag normal beginnt. Normal in dem Sinne, dass die Verbindungslämpchen geduldig aufleuchten und nicht in einem Farbenspiel von rot und blau blinkt. Der PC und das Modem zeigen sich öfters von ihrer zickigen Seite. Urplötzlich dauert das Aufstarten dann mehrere Minuten. Das Fehlersuchen noch länger. Provider haben offenbar Welpenschutz auf ewige Zeiten.
Die Nachrichten des Tages
.. rütteln mich schon auf halb nüchternen Magen wach. Was ist eigentlich los in unserer Gesellschaft? Auf der Welt ? Grosse Katastrophe in Japan, atomare Gefahrwolke für die Welt ? Wieder ein schlimmes Unglück. Über Nacht werden daraufhin mitten in Europa Atomkraftwerke ausgeschaltet. Politiker streiten ob das rechtens ist oder nicht. Aus Angst vor einem atomaren Megastau oder einem Tsunami in den Alpen ? Oder sind es doch Wählerstimmen die man gerne so ins Trockene retten möchte. Es ist wirklich tragisch was da passiert ist. Warum jedoch die Hysterie mitten in Europa. Die Medien bringen rund um die Uhr die schrecklichen Bilder mit einer Wucht, als würde man selbst dort dabei sein. Im Anschluss zeigen sie Eltern Tipps, wie sie ihre Kinder auf die Katastrophe einstellen sollen. Einfach nicht vor den TV setzen. Hunderte von Fachleuten geben ihre Prognosen ab. Nur die wenigsten waren oder sind Vorort. Es ist das Schicksal dieser Welt, wenn immer wieder so grosse Katastrophen passieren. So kurz nach Haiti. Ist es der kollektive Tod, die hohe Anzahl der Opfer, dass die Medien verrückt spielen. Sogar Lybien und seine Freiheitskämpfer rücken an den Rand der Berichterstattung. Gibt es doch ein Comeback des Diktators? Kinderschänder, immer mehr schlecht recherchierte Artikel in der Boulevardpresse. Ölspekulanten, falsche Maturanten, Doktoren ohne Titel, Politiker als Elefanten im Porzellanladen usw. Daneben die Ergüsse zu den Prominenten in der Nacht und bei Tage. Sie verlieren fast nie an Aktualität. Direkt platziert unter den Bildern von Tokio. Wer mit wem und warum? Inzwischen bekomme ich schon erste Sitzschwierigkeiten mit meiner Hüfte und dem Spinalkanal, die sich schmerzlich melden. Aufstehen. Der Versuch ein paar Schritte zu gehen. Von Sessel zu Sessel und von Möbelstück zu Möbelstück hanteln und erst langsam wird der Schritt wieder etwas fester, aber nicht schmerzfreier. Einen OP würde helfen, wäre aber ein Risiko mit meinem Herz.
My home will be my castle
Es ist umgekehrt nicht immer so angenehm, als mancher glauben mag, wenn man so zu Hause angebunden ist. Theoretisch viel freie Zeit, die jedoch rasend mit diesem und jenem vergeht. Warum ich ihnen das alles erzähle. Weil wir trotz unserer Krankheiten (Herz, Krebs, Wirbelsäule) noch gerne am Leben teilnehmen möchten. Weil wir Individuen sind. Zumindest indirekt. Genau wegen der Krankheiten, die Bürokratie, welche Jahr um Jahr zunimmt. Kein Tag , wo nicht irgendetwas geprüft, rückgesendet werden muss. Wo man sich mit den Versicherungen um Kleinigkeiten herumstreiten muss, die plötzlich aus dem Leistungskatalog gestrichen wurden. Medikamente, die man jahrelang zur vollen Zufriedenheit genommen hat, sind plötzlich selbst zu bezahlen oder nur mehr als nicht bezahlte Generika erhältlich. Kranksein ist kein Erholungsurlaub. Wenn auch viele das Gefühl haben, wenn sie bei einer Grippe mal ein paar Tage krank geschrieben wurden, dass ist geil. Man wird schlichtweg bestimmt oder muss sich bestimmen lassen. Immer wieder Auskünfte geben und Beilagen und Unterlagen beibringen. Umgekehrt wer nicht .
Medienrummel

Mich bringen die wiederholten Schlagzeilen des Blicks aus der Fassung, wenn sie wieder eine Geschichte mit einem IV –Rentner ausländischer Herkunft ausgraben und in die Headline setzen und hunderte Kommentatoren in Leserbriefen dazu ihren Senf abgeben, ohne von der Materie nur im Ansatz einen blassen Schimmer zu haben. Man lässt sich die Vorurteile auswärts aufarbeiten und dann via Medien ins Haus liefern, frei zur Entnahme. Es steht einem ja heute frei, was man liest und wo. Welche Nachrichten man für sich interessant findet. Da erklärt mir doch glatt jemand diese Woche, dass ein Diabetiker schmerzunempfindlich sei und deshalb keine Schmerzen bei einem Infarkt verspürt. Manchmal frägt man sich dann, ob all diese Gesundheits- und Krankheitssendungen im TV den Menschen eher verwirren als helfen. Es wird den Ärzten unnötig schwer gemacht oder selbst die Diagnose aus dem Internet schon mitgebracht. Umgekehrt habe ich Leute erlebt, die einen Herzinfarkt überlebt haben und daran fast gescheitert wären. Sich nur mehr als halbe Menschen bzw. Mann fühlten. Ja auch das gibt es.
Man sollte kranke Menschen nicht zur Auflagensteigerung missbrauchen. Unglücke noch zusätzlich puschen. Gschichterl`n rund um Krankheiten erfinden, ausschmücken und die Leute in Angst und Schrecken schreiben. Egal ob prominent, Skifahrer oder sogenannte VIPs. Krankheiten sind meistens Bestimmung. Gene steuern ihren Teil bei. Man bekommt heute Krebs, weil es so sein muss. Nicht weil man gesund oder ungesund gelebt hat oder in Tokio ein Kernkraftwerk überhitzt. Zumindest meistens. Kranken Menschen sollte man wieder mit mehr Herz begegnen. Schon morgen kann man sich in einer ähnlichen Situation befinden. Ja und übrigens – schon um einen Spenderausweis gekümmert?
* Heute wurde es ein längerer Artikel. Das Wetter soll aber die Tage auch nicht so toll werden.
Also eher Lesewetter. Naja !