Freitag, 2. September 2011

Synonym für das Leben

Dieser Tage erreichte uns eine Mail mit einer Alltagsgeschichte, die auf den ersten Blick aus irgendeinem Roman stammen könnte. Sie hat sich aber tatsächlich so erst jüngst begeben. Die Verfasserin ist uns als langjährige Freundin bekannt und wir kennen auch einen grossen Teil ihre Lebensgeschichte. Einen Lebensgeschichte, die trotz des vielen Leids, die Frau nie verzweifeln liess. Sie nahm ihr Schicksal an, ohne dabei ihren Humor zu verlieren. "Da versuche ich halt immer mich abzulenken, noch das zu machen was ich noch kann und was mir oder andern Freude macht und das hilft dann wieder."

Eine kummervolle Begegnung*

Ich stehe am Grab meines Mannes und versuche eine Kerze anzuzünden. Eine ältere Frau am Stock kommt aus der hinteren Grabreihe auf mich zu und beginnt ein Gespräch. Sie war ebenfalls am Grab ihres Mannes. Ich habe sie noch nie gesehen. Sie erzählt von ihrer Tochter, die vor Jahren Schulden gemacht habe und nicht mehr ein noch aus wusste. Ihr Mann war ein einfacher Arbeiter, sie haben ein Leben lang gespart und nun wollte sie der Tochter vom Ersparten aus den Schulden helfen. Ihr Mann warnte sie, sie bekomme sicher noch Teufels Dank dafür, doch die Frau konnte als Mutter nicht anders handeln als der Tochter ihr fast gesamtes Erspartes zu geben. Der Mann hatte recht, die Tochter nahm das Geld und liess dann jahrelang nichts mehr von sich hören. Der Mann starb und sie, die Frau lebt heute von einer kleinen Rente und Ergänzungsleistungen.

Die Tochter hatte inzwischen erstaunlicherweise Karriere gemacht, geheiratet und besitzt ein Haus mitsamt einem BMW. Als ihr in den Sinn kam, sie könnte die Mutter brauchen, meldete sie sich bei ihr. Sie sollte in ihrer Abwesenheit das Haus hüten, Wäsche waschen und auch alles bügeln. Die alte Frau tat das denn auch, in der Hoffnung ihre Tochter nehme sie auch sonst wieder in ihre Familie auf. Aber die Mutter passte nicht zum noblen Milieu. Sie musste jedesmal von Bernhardzell nach was weiss ich wohin wandern, weil sie kein Postauto hatte um ihr die Wäsche zu machen usw. Dabei geht sie am Stock. Ich schätzte die Frau auf jeden Fall auf über 80 Jahre. Eigentlich möchte ich noch zu den Gräbern meiner Söhne. Aber die Frau geht neben mir und leert ihr ganzes armes Herz vor mir aus und ich kann nur zuhören und Teilnahme zeigen. Als einmal ihr Hund krank wurde, sagte sie der Tochter, sie wolle beim Hund bleiben und morgen nicht für die Wäsche kommen, da brach die Tochter die Verbindung wieder ab.

Nun hatte sie vor nicht allzu langer Zeit einen leichten Herzinfarkt und wurde notfallmässig einfach so im Nachthemd ins Spital gebracht. Am andern Morgen rief die Tochter empört an, warum sie ihr dies nicht berichtet habe, aber die Frau hatte ja gar nichts bei sich, auch kein Geld zum telefonieren, auch wenn sie dazu noch im Stande gewesen wäre. Die Tochter fragte ob sie kommen müsse und die Mutter antwortete, nein sie müsse nicht kommen. Sie bat dann eine Nachbarin ihr Kleider und Toilettensachen zu bringen. Die Tochter kam nicht vorbei. Ich stehe da, hilflos und mein Trost bringt sicher nicht viel, ich kann ihr nicht helfen nur sagen, sie als Mutter hätte mehr als die Pflicht getan. Die ganze Verantwortung liege nun bei der Tochter. Wenn ich diese Geschichte in einem Heftli lesen würde, könnte man denken es sei eine rührselige erfundene Geschichte, aber die Frau hat mir einfach ihr Herz ausgeschüttet und ich hoffe es habe ihr gut getan. Verstehen kann ich es ja nicht, dass es Menschen gibt die überhaupt kein Herz zu haben scheinen. Ich denke, irgend einmal wird dieser Stein anfangen die Tochter zu drücken, aber es könnte dann auch zu spät sein.

* Name der Redaktion bekannt IM-Mediennachlese