Donnerstag, 29. September 2011

Der Casting-Schreiber

Vor zwei Jahren schrieb ich als Reaktion auf einen Tagesanzeiger-Artikel den nachfolgenden Beitrag. Inzwischen wissen wir ja, dass die Karriere der Angeprochenen eine steilen Weg nach oben genommen hat. Dieser Tage begann wieder einen neue Castingshow bei RTL namens DSDS. Dieter Bohlen, einer der menschenverachtensden Jurymitglieder im deutschen Privatfernsehen, wird sich wieder an vielen Schäfchen seiner Herde, die angetreten sind um im Rampenlicht zu stehen, wie gewohnt in teils Fäkalsprache äussern. Wobei sich die Frage mit wem man mehr Mitleid haben sollte, mit einem erwachsenen Machotypen der seinen Grenzen nicht kennt, oder die zahlreichen juristisch unberatenen Opfer, die für den Fall der Fälle Knebelverträge unterschrieben haben, deren Auswirkungen sie gar nicht abschätzen können.

Die jungen Menschen werden vorgeführt.

Sicher möchten sie es so. Sie wissen, was sie erwartet. Also kein Mitleid. Ich denke aber, dass der grösste Teil sich nicht in seinen künsten Träumen vorstellen kann, wozu er sich hier hergibt, wenn er an solchen Shows teilnimmt. Bestimmte Zuschauergruppen haben ihre helle Freude. Erinnert irgendwie an das alte Rom und die Gladiatorenkämpfe. Nur die mussten tun, was getan werden musste. In zwei Jahren hat  sich nicht viel oder gar nichts geändert.  Die sonst so skandalsüchtigen Medien berichten wenig bis gar nicht, wie es den zahlreichen Abgewiesenen von damals heute geht.

Die Casting-Show "Supertalent" ist eine Mitleid-Show (Archiv IM - Mediennachlese 2008)

Ein Handy-Verkäufer mit krummen Zähnen (?) singt Opern-Lieder, ein behinderter Sozialhilfeempfänger spielt Mundharmonika. Beide werden berühmt. Bei Casting-Shows obsiegt nicht das Talent, sondern das Mitleid. So die Schlagzeile im gestrigen Tages-Anzeiger.

In meinen Augen ist dieser Artikel eine totale Entgleisung eines überheblichen Radakteurs. Dem pflichten viele Kommentatoren ebenort bei. Wenn wir beginnen vor der Leistung, und sei sie noch so klein, vorher den persönlichen Hintergrund zu checken, dann sind wir arm dran. Warum gibt es Menschen, die sich auf diese Art ins Licht schreiben wollen und nicht einmal für das Schattendasein predistiniert sind. Wie schrieb doch ein Herr W.K. in seinem Kommentar: Er hätte meine Stimme erhalten, er hat mein Herz gerührt. Wegen seiner Musik, nicht wegen seines Schicksals. - Die Kritik ist von einem überheblichen Banausen geschrieben worden.

Es gibt zahlreiche Beispiele, dass auch Sozialhilfemepfänger durchaus befähigt sind, grosse Dinge auf die Beinen zu stellen. Sowie z.B. Joanne K. Rowling mit Harry Potter, die noch heute auf Erfolgskurs steuert. Oder der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der es aus sozial ärmlichen Verhältnissen bis zum Kanzler brachte. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Besonders störend finde ich die Betonungen ein Handy-Verkäufer mit "krummen Zähnen", oder die Betonung "ein behinderter Sozialhilfeempfänger ". Als ob es nicht schon reichen würde, nur auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Dazu muss man die Situation eines Sozialhilfempfängers überhaupt verstehen und auch danach leben. Ausserdem würde ein gewisser Herr Maurer in dieser Situation von der Redaktionsleitung des Tages-Anzeigers alle Entschuldigungen für solche geschriebene persönliche, freche Beleidigungen und Abwertungen fordern.

Zitat R.B: " Einem Paul Potts oder Michael Hirte bei einer Casting-Show die Stimme zu geben beziehungsweise eines ihrer Konzerte zu besuchen, löst ein Zufriedenheitsgefühl aus, wie ein Fünfzigernötli in den Heilsarmee-Topf zu werfen ". Wie einfach gestrickt ist doch der Kollege der schreibenden Zunft gestrickt, wenn er sein Befriedigungspotential auf diesem Niveau zu Paier bringen muss.

Damit stellt er alle Spendensendungen der Fernsehanstalten auf dieselbe Stufe. Mir hat es gefallen. Mich hat es überzeugt, dass es auch heute noch möglich ist mit einfachen Mitteln Unterhaltung und Freude zu bereiten. Ohne grossen Technikeinsatz, ohne Playback und ohne das ich die Batterie aus meinem Hörgerät entfernen muss.

Nicht jedem ist es möglich in den Olymp des Berufalltages aufzusteigen. Auch einfachere Menschen, die deshalb nicht Menschen zweiter Klasse und Freiwild sind, haben Anspruch auf Anerkennung ihrer Leistung. Egal ob sie hässlich, dick, behindert, krumm oder blind sind oder sich nicht die erwünschten Designerzähne leisten können. Man kann sich sicher in eine Traumwelt flüchten, wo nur Milch und Honig fliesst. Eine Traumwelt mit falscher Ideologie und Schönheitsidealen. Menschlichkeit hat dabei denselben Kurswert wie derzeit die Aktien auf den Weltmärkten.

Man kann sicher da und dort anderer Meinung sein. Dann sollte man aber nicht Menschen runtermachen und der Lächerlichkeit preisgeben, wenn man selbst auf der Kanonenkugel sitzt.