Dienstag, 30. August 2011

Tragisch – jedes Leben zählt

Nachlese

Vorab möchten wir hier ausdrücklich festhalten, dass wir die Ereignisse in Pfäffikon aufs schärfste verurteilen. Unser aufrichtiges Beileid an die betroffenen Familien .Doch wehren wir uns entschieden gegen einen Pauschalvorverurteilung aller Sozialhilfebezieher, sowie es dieser Tage in einigen Medien praktiziert wurde. Sicher gab es in der Vergangenheit einige Vorfälle, die lieber nicht so passiert wären.

Wer die sozialen Dienste oder die Fürsorge in Anspruch nehmen muss, befindet sich in einer ausserordentlichen Lebenssituation. Man kann nicht wie der Tagesanzeiger salopp von einem verkorksten Leben schreiben. Es reicht schon eine schwere Krankheit, Eheprobleme, der überraschende Verlust des Arbeitsplatzes usw. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Mehrheit der Schweizer Bürger nicht heiss, diesen nicht einfachen Weg aufs "Amt" zu gehen.

Denn da heisst es sein Innerstes nach aussen zu kehren. Seinen Leben bis zu den Grosseltern offenzulegen usw. Der Knackpunkt solcher Eskalationen liegt eher im direkten Umgang mit den Bittsteller und den zuständigen Sachbearbeiter. Ich kenne manche Bezieher, welche die Nächte vor einem Kontrolltermin keinen Schlaf finden, wenn sie zu einem Termin müssen. Manche Erbrechen noch ihr Frühstück bevor sie sich auf den Weg machen. Im Zuge eines Gespräches kann es dann schon zu heiklen Situationen kommen. Wer offenbart schon gerne seine täglichen Ausgaben bis zum letzten Rappen. Datenschutz zählt dabei wenig. Ja und wenn dann noch unterschwellig die Aussage im Raum steht man würde nicht so mitarbeiten wie erwartet, ja dann kann es sicher mal laut werden.

Eine Situation aus dem täglichen Leben. Das passiert, wenn sie was gekauft haben und das Gerät funktioniert nicht. Da haben sie dann keine Antenne für die müden Ausflüchte des Verkäufers. Es wird etwas laut. Manches nicht so angepasstes erscheint dann noch in den diversen Konsumforen. «Dass Klienten bei uns im Büro laut werden, passiert häufig» sagt Sandra Walther, Leiterin der Sozialberatung Dietikon.

Wir haben ja an dieser Stelle schon zahlreiche Episoden aus dem Alltag eines Sozialhilfebeziehers geschrieben. Nur, wer dass ganze Prozedere mal selbst miterlebt hat, kann bei dieser Diskussion mitreden. Es gibt einen überwiegenden grossen Anteil an korrekten, engagierten und sachlichen Mitarbeitern auf den Sozialämtern. Es gibt aber auch den Typ, der den Klienten immer spüren lässt das er ein Bittsteller ist und nur von seinem Wohlwollen abhängig ist. Er gibt sich so, als ob er die SH von seiner eigenen Tasche bezahlen würde. Unabhängig der Nationalität erhalten sie eine Leistung die aufgrund der persönlichen Situation festgelegt wurde, sowie auf Gesetzen basiert. Mancher mag das als wenig empfinden. Aber im Prinzip sind das die SKOS-Vorgaben, die für alle gleich sind. Zusätzlich sind mal da und dort ausserordentliche Leistungen notwendig.

Erst diesen 1. August habe ich mich selbst geärgert, als eine Familie, welche Sozialhilfe bezieht rund FR 600.- an Raketen abschoss und der Junior noch enttäuscht und wütend war, als die Raketen zur Neige gingen. Das mögen Einzelfälle sein. Aber nur sie aber finden den Weg in die Medien und werden fachgerecht ausgeschlachtet. Und plötzlich massen wir uns an, über Leute zu urteilen die wir nicht einmal persönlich kennen.  Wir werfen Äpfel und Birnen in einen Korb und fertig ist der Einheitsbrei. Schmeissen alle in einen Schublade.

Und wer glaubt auf ewig nie in solch eine Situation zu kommen, den wünschen ich schon heute alles Gute. Fielmann hilft gegen den verschwommenen Weitblick. Die Zeit ist leider eher wieder gegen die Sozialhilfebezieher. Arbeitsplätze gehen täglich verloren oder werden ins Ausland verschoben. Sicher nicht einfach für die ein oder andere Gemeinde. Ich bin kein Sozialträumer – aber ich wehre mich gegen Pauschalverurteilungen und mediale Übergriffe. Es ist bedauerlicherweise zu einer tragischen Eskalation gekommen. Eine engagierte Leiterin, welche dem Vernehmen nach detto Ausländer gleichwertig behandelt hat, ist für ihre Ideale offenbar gestorben. Verwerflich vom Täter. Trotzdem dürfen sich die Ämter künftig nicht verbarrikadieren. Genau sowenig wie es Polizisten und Feuerwehrleute im Alltag machen können. Bei den Zürcher Sozialzentren reagiert man mit einem Wechsel der Ansprechperson und in heiklen Fällen mit einer Taskforce, in die auch die Polizei und der Stadtarzt involviert sind. Vielleicht ein möglicher Weg. Es ist halt so, dass sich manche Menschen nicht riechen können. Es menschelt auch auf den Amtsstuben.

Die Tat selbst können wir leider nicht ungeschehen machen. Ich finde sie tragisch.

Zum Thema : Gefährdete Städter