Selbstmitleid wirkt sich auf die Gefühle und das Denken, und damit auf das Verhalten, aus. Der Selbstbemitleidende neigt mehr und mehr zu negativem Denken, fühlt sich selbst als Opfer schwieriger Verhältnisse, vernachlässigt und ungeliebt von anderen. Trauergefühle, Ärger, Ängste und Hoffnungslosigkeit kennzeichnen seine Gefühlswelt. Soweit kann man dazu unter Wikipedia über Selbstmitleid nachlesen. Warum wir Selbstmitleid zum heutigen Blogthema ausgesucht haben, liegt an den Pressemeldungen der letzten Tage.

Die älteren unter unseren Lesern wurden ja noch nach anderen Werten erzogen. Da galt es schon als persönliche Niederlage, wenn man arbeitslos wurde. Der Gang zum Arbeitsamt (damals noch bei den Gemeindeämtern integriert) schien von vornherein ausgeschlossen. Dazu kommt noch, dass auf so einem Gemeindeamt der rege Parteienverkehr grossteils über noch über nebeneinander liegenden offen Schaltern abgewickelt wurde. So wurde man oft unbewusst Zeuge des Begehrs seines Nachbarn. Erst als die Arbeitslosenzahlen Mitte der 90er zu explodieren begannen, begann man nach und nach die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren einzurichten. Dort gab es dann schon Beraterbüros.
Nun hält ja das Leben neben Arbeitslosigkeit, noch eine Vielzahl von Schicksalsschlägen bereit. Das bis dahin scheinbar gesicherte Leben und/oder die Partnerschaft geht plötzlich den Bach ab. Nicht selten die Folge von Arbeitslosigkeit, oder dass der Partner plötzlich Gefallen an eine/r anderen gefunden hat. Ein Unfall oder eine schwere Krankheit . Dem beruflichen Niedergang folgt der finanzielle Abstieg. Mancher landet schlussendlich am Sozialamt. Man wird abhängig von Sozialleistungen. Soweit der technische Teil. Begleitet wird dieser Abstieg aber nicht selten von Selbstvorwürfen, verminderten Selbstwertgefühl und immer öfters ertappt man sich dabei, wie man die Frage stellt: " Warum passiert das gerade mir?" Allerlei schlimme Gedanken begleiten einem dabei.
Das gezeigte Verhalten wird immer passiver und zunehmend von Resignation geprägt. Das Interesse an der Umwelt lässt nach und die Person zieht sich in Extremfällen gänzlich zurück (Wikipedia)
Neuste Forschungsergebnisse aus Amerika
Der amerikanische Psychologe Mark Leary *(Wake Forest University in Winston-Salem, USA) hat in mehreren Tests allerdings inzwischen nachgewiesen, dass eine Person, welche Selbstmitleid zeigt, mit negativen Erlebnissen besser umgehen kann als jemand mit großem Selbstbewusstsein. Deswegen sei Selbstmitleid für Leute mit geringem Selbstvertrauen vorteilhaft.
* Bislang herrschte die Meinung vor, dass vor allem ein starkes Selbstwertgefühl wichtig sei, wenn es darum geht, Niederlagen oder Fehler zu verarbeiten. Learys Studien zeigen nun, dass Menschen, die statt zu großem Selbstbewusstsein zu Selbstmitleid neigen, negative Erlebnisse oft anders und vor allem besser bewältigen.Ein weiterer unerwarteter Nebeneffekt sei zudem, betont Leary, dass Menschen mit starkem Selbstmitleid offenbar mehr Verantwortung für ihre eigenen Fehler übernehmen. Der Wissenschaftler ist daher überzeugt, dass Selbstmitleid insgesamt und gerade für Leute mit geringem Selbstvertrauen nur vorteilhaft ist. (Stern.de)
Erwarten wir eigentlich in dieser Situation als Sozialhilfebezieher Mitleid aus unserem persönlichen Umfeldes, der Familie ? Leary beschreibt es ja in seiner Studie. Wir reagieren dabei verschieden. Je besser wir in das Umfeld als Menschen intrigniert sind, desto leichter wird es uns gelingen, damit umzugehen. Haben wir dies nicht, können wir uns bei einem guten Freund/in den Frust von der Seele quatschen. Andere gründen Selbsthilfegruppen mit Gleichgesinnten zum Gedankenaustausch. Dazwischen finden sich mal da und dort diejenige/n, welche versuchen sich ihr "Schicksal" wegzuschreiben. Sei es in Blogs, mit Büchern usw.
Wenn man dies offen tut und so schriebt wie es bei einem im Alltag wirklich abläuft, OK. Ohne dabei den Eindruck zu vermitteln, dass man dauernd bemitleidet werden möchte. Besonders betroffen sind Frauen mit mehreren Kindern – die sogenannten Alleinerziehenden. Sie werden mit den jüngsten Buch-Thesen der ehemaligen deutschen Tagesschausprecherin Eva Hermann weniger anfangen können. Es geht knapp her in solchen Haushalten. Nicht selten fliessen Alimente spärlich bis gar nicht. Eine grosse Last und Verantwortung, die manche Frau da zu tragen hat. Dürfen sie deswegen Selbstmitleid haben oder es von anderen für sich erwarten? Sie sind eine von Vielen. Es liegt an in der Verantwortung einer modernen Gesellschaft, Frauen, aber auch Männern diejenigen Hilfen und Voraussetzungen bereit zu halten, dass sie es auch künftig schaffen, über die Runden zu kommen. Selbstmitleid ist dabei ein schlechter Berater. Verbitterung noch mehr. Die Kinder brachte ja nicht der Storch. Und manchmal hält für diese Frauen das Schicksal oft noch ein Türchen offen. Auch ich habe in jungen Jahren eine Frau mit drei Kindern geheiratet. Ich würde es heute nochmals tun. Gegen den Rat der Familie. Nur würde ich das ein oder andere konsequenter druchziehen. Umgekehrt sind Patchwork-Familien heute IN.
Ebenso können unüberlegte, ärztliche Diagnosen einem von einem Tag auf den anderen aus der Bahn werfen. Nur gibt es hier im Gegensatz zu oben, ganz, ganz selten eine Chance. Da bleibt aber auch keine Zeit für Selbstmitleid. Sondern man versucht mit seinem Partner noch alle Zeit zu nützen. Das Beste aus der Situation zu machen. Gemeinsam die Steine aus dem Weg räumen.
So bleibt am Schluss nur eine Frage. Aber an wem sollen wir sie stellen ? Warum gerade ich ? Warum muss gerade ich so einen steinigen Weg gehen und bekomme nicht ein Zipfel des Glücks oder von finanzieller Unabhängigkeit zu fassen. Nur Mitleid dürfen wir in diese Situation nicht erwarten. Selbstmitleid wirkt sich auf die Gefühle und das Denken aus und kann uns den Rest von Lebensqualität nehmen. Lassen wir unseren Gefühlen einfach freien Lauf, egal wir gross die Steine sind, welche wir in den Weg gelegt bekommen. Der Weg ist das Ziel. Mitleid passt nicht in unser Gesellschaftsbild.
Was Betroffene erwarten ist nicht Mitleid, Almosen und Vorurteile. Sie sind und bleiben Menschen wie Du und Ich. Sie haben Rechte, abe rauch Pflichten. Dessen sind sie sich durchaus bewusst. Nur müssen sie vielleicht manchmal eine kleinen oder grösseren Umweg gehen, um ans Ziel zu gelangen. Auf keinen Fall sind sie die Verursacher explodierender Defizite. Denn in einem werden sie mir Recht geben. In der Politik sind sie eher selten anzutreffen. Dies ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern gibt nur einen kleinen Teil des Alltag Betroffener aus zahlreichen Gesprächen wieder.
PD 7/2010