Risiko-Dialog
Thomas Gottschalk ist Medienprofi und sich als solcher durchaus bewusst, wie er die längst überfälligen Samstagabendschau "Wetten dass" in Ruhe ausklingen lassen könnte. Aber er scheint nicht los lassen zu können. Wiederkehrende internationale Stars sind der falsche Weg. Damit lockt man keine Oma hinter den Ofen hervor. Die Sendung stammt noch aus einer Zeit, wo die Privaten keinen Quotenhimmel trübten.
Ehrlich gesagt hatte die Sendung am Anfang auch mehr Pfiff und verkommt immer mehr zu einer Bühne der Selbstdarstellung sogenannter Prominenter, Politker, Schauspieler und Entertainer. Den gebotenen Musikgeschmack des alternden Showstars verstehe ich persönlich schon lange nicht mehr. Vielleicht sein persönliches Vehikel, sein Geschmack um vergangene Jugend zu kompensieren. Solange die Sendung noch zweistellige Quoten liefert, geben die Indentanten der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten Ruhe und müssen sich keinem politischen Druck der Medienpolitiker beugen. Den letzten Sendungen drohte aber Ungemach von seitens des Poptitanen Bohlen auf RTL. Filmpremieren, halbnackte Künstlerinnen, belanglose Plaudereien, das fünfte vorgestellte Buch von wiederholt eingeladener Dauergästen auf dem bekanntesten Sofa der Nation, brachten auch nicht den gewünschten Schwung zurück. Fad. Peinlich das Gegrapsche. Einzig die Wetten waren Fixpunkte dieser Familiensendung, die ansonsten durchaus keine Generationen mehr am heimischen TV vereinte. Da schlägt nichts mehr auf, wie man heute im Youngster-Jargon zu sagen pflegt. Die Jugend zieht es in die Diskotheken. Die Alten eher ins Bett.Sportliches Risiko begleitete schon immer die ein oder andere Wette. Doch es ging vor den Kameras fast 29 Jahre gut. Bis auf einen Beinbruch und kleinere Verletzungen. Und jetzt diese Samstagsendung. Diese Wette. Der junge Mann wusste, welches Risiko er eingeht. So, wie zahlreiche Artisten, Skifahrer und Stuntmans alle Tage sich in umittelbare Gefahr begeben. Der Unfall ist tragisch. Die Folgen für den 23-jährigen heute noch nicht abschätzbar. Aber hätte man im Vorfeld nicht die Notbremse ziehen müssen. Ja es waren Sekunden des Entsetzens. Immer wieder in Bild und Ton gezeigt. 100 % Sicherheit wird es nie geben. Das wussten alle. Auch der Kandidat selbst. Persönlich würde ich ihm wünschen, mit einem blauen Auge davonzukommen. Ferndiagnosen wurden schon genug gestellt. Jedenfalls wird es ein steiniger, schmerzvoller Weg.
Gott und die Welt gibt derzeit Kommentare zu dem Unfall ab. Viele fühlen sich berufen, dass sie die Gefahr dieser Wette richtig einschätzen hätten können, wenn man sie nur lassen hätte. SF strich jetzt sogar einen ähnlichen Auftritt. Die Wette entspricht dem momentanen, risikofreudigen Trend der Samstagabend-Sendungen um wieder mehr Zuschauer vor die Geräte zu locken. Auf der einen Seite die Produktionsfirmen, die aus dem Vollen schöpfen möchten. Auf der anderen Seite Kandidaten, die um ein Butterbrot ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Ein Spagat wie wir ihn bereits aus unserem Alltagsleben kennen. Die Produzenten kassieren. Die Kandidaten krampfen. Ist Berühmtheit heute wirklich das Mass aller Dinge, um Dasein und Lebensqualität zu verbessern. In zu sein. Der Aufstieg geht schnell. Die Faktoren dazu sind zwar unberechenbar, selten verständlich und nicht immer von Leistung abhängig. Abwärts geht es dann umso schneller. Wenn man die Zuwendungen der Medien verloren hat, so hat man fast alles verloren. Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit genug. Auch grosse Schlagerstars blieben davon nicht verschont und beendeten ihr Leben in bitterer Armut (jüngst P. Hoffmannn).
Was SPD-und Medienpolitiker Kurt Beck (Rheinland-Pfalz Ministerpräsident und im ZDF Vorsitzender des Verwaltungsrats) dazu treibt, plötzlich über "Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote" zu reden, ist nicht ersichtlich. Was kann uns noch mehr ekeln als Dschungelcamp, Big Brother und wie die Formate alle heissen. Meines Erachtens bleibt der Bildungsauftrag aller TV-Anstalten schon lange weit hinter dem, was sich der Seher erwartet. Ein sachlicher Diskurs über öffentlich-rechtliche Inhalte und das Angebot kommerzieller TV-Anbieter fehlt. Man möchte einerseits gerne gut ausgebildeten Computerfachleuten für die Wirtschaft. Nur wo sind die entsprechenden Sendungen dazu, welche die jungen Menschen dazu animieren, künftig in die IT-Welt einzusteigen. Sie sind nach und nach still vom Bildschirm verschwunden.
Laut Prof. Dr. Pannen- einem der behandelnden Ärzte - (Universitätsklinikum Düsseldorf) zeigt Samuel Lebenswillen? In dieser Extremsituation genauso wie wahrscheinlich in anderen Situationen seines künftigen Lebens. Wir wünschen es ihm. Alle anderen halten sich bis dahin mit ihren Wortspenden eher zurück.