Montag, 8. November 2010

Kurze Augenblicke

Vier Tage Zwischenstopp im Spital - Teil 1

I`m back! Es lupft einem den Hut, was man derzeit in den Printmedien nachliest ( ja richtig im Krankenhaus gibt es kein Internet - und wenn wird es sehr umständlich und komplizert) was derzeit rund um uns in der Gesellschaft, in Europa und auf der Welt passiert. Bei den Printmedien findet man kaum einen Unterschied zu den Onlinemedien. Teils steht dem gedruckten Wort ein Pendant im Internet entgegen. Soweit zum Thema Qualitätsjournalismus. 

Wenn man nahe an der Schwelle zum Tod steht, werden viele dieser Headnews oder sogenannten Topnachrichten klein und unwichtig. Man beginnt sich zu fragen, was ist bloss los mit unserer Menschheit . Es geht nicht mehr normal ab. Was ist schon normal ? Arm gegen Reich, nein,  jeder gegen jeden. Der Stärkere oder Bessergestellte obsiegt meistens. Sei es als Person, als Politiker oder in der Arbeitswelt. Der Vorteil eines Krankenhauses mag ja darin liegen, dass zumindest nach 20 Uhr Ruhe auf den Gängen einkehrt und das hektische Treiben des Tages sich eine kurze Verschnaufpause nimmt. Da und dort sind OP`s noch hell erleuchtet. Unfälle passieren nicht nur zu Bürozeiten. Andernorts sind die halben Fensterfronten schon dunkel. Die Stille wird nur durch die Rundgänge der Nachtschwestern von Zimmer zu Zimmer oder durch das Martinshorn der Sanitätsfahrzeuge unterbrochen, die zur Notfallaufnahme eilen. Sogar Hubschrauber bringen um diese späte Stunde noch Schwerverletzte. Der Moloch hat seinen Betrieb runter gefahren. Zur Ruhe kommt er aber trotzdem nicht. Noch hunderte dienstbare Geister, die ihren anstrengenden Nachdienst zum Wohle der Patientinnen absolvieren und deren Schlaf überwachen. Da und dort huscht noch ärztliches Personal in ihren weissen, wehenden Mäntel schnellen Schrittes über das gefallene bunte Herbstlaub über Wegen und Rasen, welche durch die Wegbeleuchtung gespenstisch beleuchtet werden. Ein romantisches  Bild, eine besondere Stimmung, auch wenn es bitter kalt ist und man nicht gerne an diesem Ort verweilt.

Die Raucher wurden ja in die Raucherzone ausserhalb der Gebäude verbannt. Frierend stehen sie da und ziehen hastig an ihren Zigaretten. Jene Raucher, welche früher bis zur letzten Minute um 22 Uhr vor Torschluss den Freigang mit ihren Glimmstengel ausgereizt haben, sind jetzt ab 20 Uhr in ihren Zimmer verschwunden. So ein Krankenhaus ruht nie. Je nach Abteilung oder gesundheitlichem Zustand geht die Betreuung einzelner Patienten die ganze Nacht hindurch weiter. Da eine Messung, dort ein Verbandwechsel. Eine Infusion muss gewechselt werden.

Man liegt im Bett und die Bilder des Tages holen einem vor dem geistigen Auge ein. Man erkennt, selbst Teil dieses Räderwerks zu sein und durchläuft verschiedene Untersuchungen im Laufe der OP-Vorbereitung. Lotsen holen einem im Zimmer ab und dann geht es ab ins unterirdische System mit seinen weitverzweigten Tunnels. Nur an den Wegweisern erkennt man, wo man sich ungefähr befindet. Auch hier unten herrscht ein kaltes Lüftlein, welches auch über der Erde die Körperempfindungen strapaziert. Schnell wird der Rollstuhl oder das Bett vor Elektrokarren gespannt, eingeklickt und von dem grossteils ausländischen Personal über die Gänge „gejagt“. Die Frauen haben offenbar grossen Spass, wenn sie flott die ein oder andere Kurve nehmen. Ich hoffe bei jeder Kreuzung, dass sie bei den Spiegeln rechtzeitig den Querverkehr erkennen, damit sie noch rechtzeitig reagieren könne. Sie sind gefragt. Permant tönt es aus den Lautsprechern ihrer Funkgeräte. A nach B, Lungenröntgen muss noch warten …..

Während man wartet, sieht man auf den einzelnen Spezial-Abteilungen Menschen, die ihr Leiden nicht mehr so verbergen können und dass sie grosse Schmerzen haben. Es ist immer alles relativ. Viele schwere Krankheiten sieht man den Menschen nicht auf den ersten Blick an. Erst in kurzen Gesprächen, um die Wartezeit zu verkürzen, erfährt man Genaueres. Manchmal ist man dann mit seinem Päckchen mehr als zufrieden. Eines aber tragen sie wie einen Orden in ihrem Ausdruck – den Willen wieder halbwegs gesund zu werden. Einfach noch ein Zipfelchen von Lebensqualität zu erhaschen und ein vielleicht paar Jährchen anzuhängen.

Abends liegt man in seinem Bett und versucht im schwummrigen Licht der Bettleuchte die Gratiszeitungen zum dritten Mal zu lesen. Sie sind praktisch zum Halten im Bett. Der Inhalt ist fürs Erste nicht so wichtig. Ablenkung um die nötige Bettschwere zu bekommen, wäre da schon eher angebracht. Morgen um 8 Uhr ist die Operation angesetzt. 6 Uhr wecken – nüchtern bleiben – wenig Wasser trinken und in den tollen Nachthemden mit offener Kehrseite auf die Abholung warten. Morgentoilette muss heute stark reduziert werden. Ich bin schon an einen Tropf angehängt und das ist nicht so praktisch dabei. Mein Gott was gehen einem da für Gedanken durch den Kopf. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube es ist die 10-te Dillertation. Eine der letzten Möglichkeiten, die letzten Reserven zu aktivieren, sie mittels Stent zu stabilisieren. Fünf Bypässe, diverse Stents verschiedener Bauart, ein paar Infarkte. Ich habe das Herz zu meinem Lieblingsorgan erkoren. Ein visierter Kardiologe nimmt sich meiner Baustelle aus. Nur mehr eine der Hauptstrassen ist frei.

Vorbei die Zweifel im Vorfeld. Soll ich es noch einmal machen lassen oder es so belassen wie es ist. Risiko ist so oder so.

Teil 2 demnächst