Dienstag, 24. August 2010

Schockdiagnose oder Organspende ist keine Christenpflicht

„20 Jahre Politik auf den Knochen der Familie, jetzt ist es mal umgekehrt",

sagt SPD-Fraktionschefs Frank-Walter Steinmeier (54). Nun traf ja das Paar, welches 15 Jahre verheiratet ist, ein herber Schicksalsschlag: Die sonst so lebensfrohe Ehefrau Elke Büdenbender (48) ist schwer krank, braucht eine neue Niere – und der bekannte Politiker wird der Spender sein. Er nimmt sich jetzt eine Amtsauszeit und es wird diese Woche noch operiert. Anschliessend geht es gemeinsam auf REHA.

Normalerweise wartet ein Nierenkranker in Deutschland rund sechs Jahre auf ein Spenderorgan. Bis dahin muss der Patient mehrmals wöchentlich zur Dialyse (Blutwäsche), um überleben zu können. Das gesamte Leben muss darauf ausgerichtet werden. Organtransplantation sind leider noch immer ein Tabuthema und umstritten. Ethische Einstellungen kollidieren mit dem herkömmlichen Hirntod-Konzept. In Werbekampagnen wird die Organspende als Akt der Nächstenliebe kommuniziert. Das macht Druck und nicht selten ein schlechtes Gewissen. Liebesgrüsse ?

Ich bin/wäre selbst vom Wohlwollen eines Organspenders abhängig. Umsomehr ich die Diagnose erhielt, mein Herz sei irreperabel. Ein paar Stents, 5 Bypässe und diverse andere Eingriffe haben dank ärztlicher Kunst bis jetzt geholfen, mein Leben zu verlängern. Heute bin ich ein Hochrisikopatient und es wird keinerlei OP mit Narkose, auch nicht lokal, mehr gemacht. Das schränkt das Leben zwar sehr ein, aber ich kann mich soweit noch frei bewegen. Nur das ich halt an die Wohnung gebunden bin, weil meine Hüfte eben nicht mehr so funktioniert. Neben Diabetes plagen noch andere  Ziperlein . Ausserdem brauche ich zwischendurch intensiver Sauerstoff und habe dazu einen Sauerstoffkonzentrator in der Wohnung stehen. Der saugt die Umgebungsluft auf und konzentriert den darin enthaltenen Sauerstoff und gibt diesen dann über eine Maske ab. So wird bei Bedarf meine Atmung unterstützt.

Wir haben hier ja schon mehrmals auf die deutsche Webseite "dieGesellschafter.de" verwiesen. Dort fand ich jetzt unter Best of Tagebuch einen Eintrag der Bioethikerin Nikola Biller-Andorno zur Organspende. Auch andere AutorInnen melden sich dabei zu Wort.

Der tote Mensch nur einen leere Hülle ?

Jährlich werden in Deutschland etwa tausend Menschen Organe entnommen, fast viertausend bekommen Organe implantiert. Zwar wollen die meisten von uns bei Bedarf ein Organ von einem Verstorbenen erhalten, aber nur die wenigsten haben einen Spenderausweis. Umgekehrt ist es beim Nachbar Österreich. Dort wird man nach der Widerspruchregel und festgestelltem Hirntod automatisch Organspender. Um die Problematik und die Frage dazu zu beantworten oder besser zu verstehen, empfehle ich den ganzen Beitrag ebenort zu lesen.

»Wir wollen nicht verpflichtet werden, uns zu Lebzeiten für oder gegen die Spende unserer Organe nach dem Tode aussprechen zu müssen. Zu groß erscheint uns die Zumutung, sich mit der Thematik zu befassen.«

»Der Lebendspender, die sterbende Frau, deren Angehörige schon über ihre Zustimmung zur Entnahme befragt werden, der Schwerstkranke, der dringend eine Niere, Leber oder der ein Herz benötigt. Sie alle sind menschliche Individuen mit schützwürdigen Grundrechten und Interessen.«

Auf den Punkt gebracht. Es ist für mich ein grosser Beweis der Liebe und Zuneigung zu seinem Partner, wenn man sich dazu entschliesst, einen sogenannte Lebendspende durchführen zu lassen.

Bei uns zwei stellt sich diese Frage leider nicht mehr. Ich kann auf ein Organ warten und hoffen. Meiner Frau wurde ihre Speiseröhre wegen eines bösartigen Krebsgeschwürs komplett entfernt. Beiden bleibt uns also soweit nur zu hoffen, dass uns die Ärzte noch eine lange Zeit für den gemeinsamen Weg ermöglichen und sich die Situation stabilisiert.Wir sehen darin ein grosses Los, dass wir solcherart noch eine Chance haben, für einander dazusein, wobei meinen Frau hiebei einen grossen Part übernommen hat - danke.

Der Wert eines Lebens hängt nicht von seiner Länge ab, und auch das eigene Sterben ist schützenswert.

Zuletzt möchte ich noch ein paar Wörter loswerden. Krebs ist einen fuchtbare Krankheit. Jährlich sterben tausende Menschen aller Bevölkerungsschichten daran oder müssen den Weg langer Leiden gehen. Auch sozial Schwache. Liebe Medien, gebt auch ihnen und ihren Angehörigen die selbe Plattform, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Nicht nur den Stars und PolitikerInnen . Das kann Betroffenen mehr helfen, als das Leiden einzelner Prominenten in einem geordneten, sozialen Umfeld. Wobei auch sie unsere Anteilnahme verdienen. Umgekehrt sind ja die VIPS auch nicht gerne öffentlich. Aber in diesem Punkt ahnen sie wohl, dass hier mit gleichlangen Spiessen erlebt und überlebt wird.  (PD)

Schweizerische Krebsliga