Nicht mehr im Kreis gehen, sondern zum Mittelpunkt finden, keinen Ausweg suchen, sondern seinen Weg spüren: -
Mit der Kraft des Glaubens ist für den 46-jährigen Steirer (Steiermark) J. R. auch in einer begrenzten, zumeist versperrten Zelle ein Neustart möglich. R. ist Gefangenen-Seelsorger. Er arbeitet fast ausschließlich mit Menschen, die zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurden. B. W. begleitet den Theologen J. R. bei seiner Arbeit in der Justizanstalt Graz-Karlau. Mit ihm und zwei Häftlingen, die wegen Mordes verurteilt worden sind, spricht sie über das, was trotz allem trösten und Kraft zum Leben geben kann.
Lebenslänglich ohne Begnadigung
Eine interessante Reportage ward dabei entstanden. Ein Satz des Theologen daraus hat bei mir eine Erinnerungen ausgelöst, die ich heute frei aus dem Gedächtnis niederschreiben möchte. " Viele Menschen hier, haben einen Menschen getötet. Auf einmal. Dafür sind sie jetzt hier um ihre Strafe abzusitzen. Wie viele Menschen werden aber im Laufe ihres Lebens mehrmals getötet, ohne das dafür je jemand zur Verantwortung gezogen wird!" meinte der Seelsorger. Und ich begann darüber nachzudenken, was er damit meinte. Es sind doch die zahlreichen Stiche, Gemeinheiten, Verletzungen der Seele die wir im Laufe eines Lebens erfahren. Die uns in der tiefsten Seele verletzen, uns blossstellen und in einen Situation bringen, wo wir, ob zwar ohne Schuld, nicht wehren können. Vieles davon hinterlässt Narben. Bei einem mehr , beim anderen weniger. Es gibt Parallelen zu körperlichen Narben. Narben auf der Seele die niemals verschwinden.
Ich kenne das als Herzpatient. Bei jedem Infarkt stirbt ein Teil des Gewebes ab und wird nicht mehr durchblutete. Andere Regionen des Herzens übernehmen zwar die Aufgabe, aber das Herz leidet, wird grösser (wie ein übertrainierter Muskel) und trotzdem in seiner Gesamtleistung schwächer. Bis zu dem Punkt, wo es eines Tages plötzlich unrund läuft (Kammerflimmern) und durch einen med. Eingriff wieder in Gleichklang gebracht werden muss. Paradox. Ja, man hat den Infarkt überlebt. Man freut sich. Aber die Spuren sind noch bis über den Tod hinaus sichtbar. So wie die Narben des Lebens, die einem andere Menschen zugefügt haben.
Töten auf Raten
So stelle ich mir das vor. Da ist ein Mensch, sein Leben und die Umstände worin man lebt. Wobei diese nicht immer freiwillig gewählt wurden. Besonders betroffen sind hauptsächlich Armutsbetroffene oder Menschen am Rande der Gesellschaft. Ob in diesen Kreisen mehr Sensibilität vorhanden ist, als in anderen Bereichen unserer Egogesellschaft möchte ich nicht unbedingt bejahen. Nur sind Menschen dieser Randgruppen mehr dem "Töten auf Raten" ausgesetzt als andere. Der Urtrieb des Menschen, die Hierarchie im Rudel, der Schwächere, er/sie bleibt auf der Strecke. Nur selten findet sich die notwendige Aufmerksamkeit, die Verletzungen gering zu halten, weil gerade in dieser Situation zusätzlich die Freunde verlustig gehen.
Dazu vielleicht einen Begebenheit aus meinem Leben. Stellvertretend für viele. Kurz nach meiner Heirat wollte ich mit meiner Familie aus speziellen Gründen in einen anderen Kanton übersiedeln. Dort war ich näher meinem erlernten Beruf im Hotelgewerbe, der ohnehin sehr familienfeindlich ist, war. Damals am Anfang meiner beruflichen und familiären Karriere besassen wir wenig Geld und ich hatte kaum 20, schon eine sechsköpfige Familie zu ernähren.
Die damalige Wohnungssuche selbst wäre schon einen Story wert. Vielleicht bei Gelegenheit. Jedenfalls war es seinerzeit knapp mit dem Einkommen das Auskommen zu finden. Einkaufen im bekannten Fremdenverkehrsort Vorort war teuer. Deshalb mussten wir mehrmals monatlich mit dem Bus ca. 25 Km fahren um beim heutigen ALDI zu poasten. Es ging so mehr recht als schlecht. Umsomehr das Hotel damals nur einen verlängerte Sommersaison geöffnet war und ich mit finanziellen Einbussen in der Zwischensaison am Bau mit half.
Eines Tages traf ich am Nachhauseweg einen ehemaligen Kollegen aus meiner Lehrzeit. Er lud mich zu sich auf einen Cafe ein. Wir schwätzten ein bisschen und ich erzählte so nebenbei von meinem derzeitigen knappen Leben. Tage später wurde in der Wohnung des Kollegen eingebrochen. Ich wurde zum Polizeiposten aufgeboten. Ahnungslos machte ich mich auf dem Weg. Ich kannte den Dorfpolizisten. Der eröffnete mir, dass eben da eingebrochen wurde und mein Kollege hätte mich als möglichen Täter benannt. Ich hätte die Gelegenheit des unerwarteten kurzen Besuchs genützt, um die Wohnung auszuspionieren (?!). Da ja eine Familie mit 4 Kinder ohnehin ein Fass ohne Boden wäre, stand ich in den Augen meines Kollegen als passender möglicher Täter fest. Dies gab er so zu Protokoll. Wochen später wurde der echte Täter gefasst. Es folgte nie eine Entschuldigung seitens des Kollegen, noch seitens der Polizei.
Man kann sich vielleicht vorstellen wie es mir/uns damals erging. Nur weil man mehr Kinder hat, muss man in den Augen bestimmter Personen prädestiniert sein, einbrechen zu gehen, um seine Familie über die Runden bringen. Paradox, anmassend, ehrverletzend. Übrigens ein Phänomen, unter welchem heute noch Familien mit mehr Kindern leiden. Sie sind in den Augen ewig gestriger schlicht asozial. Damals war das wie ein Messerstich mitten in die Brust. Die Wunde trage ich heute noch. Wenn jemand in seinem Leben mehrere solche oder ähnliche Vorfälle verkraften muss, dann verstehe ich den Hintergrund des obigen Theologensatzes. Man kann auch auf Raten töten, ohne das je jemand dafür zur Verantwortung gezogen wird. Früher hörte man noch öfters die Aussage, speziell im ländlichen Raum: "Sie/er ist an Kummer und Gram gestorben!" Mein Vater, ein herzensguter Mensch, war so einer, der alles in sich rein frass. Vielleicht mit ein Grund für seinen frühen Herztod.
Vieles ist unsichtbar, nicht fassbar. Wen sollte man anklagen. Würde es überhaupt etwas bringen. Verschlimmert es nicht die persönliche Situation, das Umfeld. Betroffene bekommen lebenslänglich, ohne je eine Chance auf vorzeitige Entlassung zu haben.