Sonntag, 15. November 2009

Gleicher als Enke

In einer achtseitigen Sonderbeilage mit insgesamt 228 Todesanzeigen haben die «Hannoversche Allgemeine Zeitung» und «Neue Presse» in ihren Samstag-Ausgaben an Robert Enke erinnert.

Der Tod des Nationaltorhüters bestimmte tagelang die Schlagzeilen, Presse und Fernsehen. Er war ein Sympathieträger, ein Vorbild, einer, der immer ein offenes Ohr für die Teamkollegen hatte. Er war aber auch ein Familienmensch der an seiner Familie hing. Doch der Tod seiner Tochter Lara, welche mit einem schweren Herzfehler zur Welt kam und leider im Alter von 2 Jahren bei einer Operation stirbt, veränderte im Innersten des Menschen Enke etwas. Heute wissen wir, dass er an Depressionen litt und diesbezüglich in Behandlung war. Weitere Fakten wie seine Tierliebe, seine soziale Ader wurden auch mehrfach am Rande erwähnt.

Interessiert der Mensch Enke. Er war offenbar ein Mensch, in sich gekehrt wenn es darum ging, seine innersten Ängste und Befürchtungen vor seiner Umwelt zu verbergen. Nur der engste Familienkreis wusste ob seiner Krankheit. Bewundern muss ich ihn dafür, dass er für sich die Kraft gefunden hat, sich selbst aus dem Leben zu nehmen. Egal, ob viele heute sagen er hätte gerettet werden können. Millionen von Enkes sind unter uns und wir können oder möchten nicht erkennen, dass sie krank sind. Es sind die "Leiden der anderen". Leiden und Leid welches wir vielleicht manchmal bewusst nicht sehen. In diesem Fall, weil er in erster Linie der "Tormann" war, der funktionieren musste und der offenbar nichts mehr mehr scheute, als dass seine Depressionen öffentlich wurden. Ist dieser tragische Schritt jetzt der Preis dafür. Oder ist es nicht so, dass wir uns solcherart Vorbilder schaffen, Menschen die nicht verletzlich sein dürfen. Die einfach funktionieren müssen und deshalb permanent mit dem Rücken an die Wand stehen. Unabhängig wie es in ihnen aussieht. Ersatzmenschen praktisch, die auf der Austauschbank sintzen und auf ihren Einsatz warten.

Die Menschen, die unter Depressionen leiden, "sind nicht faul, sie sind keine Drückeberger, sie sind einfach psychisch nicht in der Lage, etwas zu leisten". Hier nähert sich der Mensch Enke zumindest mental den Millionen Arbeitslosen in Europa an. Sie stehen unter Dauerstrom. Sie haben Pflichten zu erfüllen. Sie müssen die Managementfehler ausbaden. Sie stehen ihren Familien und Kindern im Wort alles zu tun, damit ihr Leben lebenswert ist und die Kinder was Anständiges lernen.

Ich kenne zahlreiche Enkes. Enkes die auch am Anschlag leben und vielleicht nicht den Mut haben den letzten Schritt zu wagen um aus dem Leben zu scheiden. Für viele scheint es aussichtslos, welche Hürden das Leben für sie vorgesehen hat. Von schweren Krankheiten, von behinderten Kindern, bis zur krebskranken Frau. Vor allem, sie haben keine Lobby. Sie sind alleine. Nicht selten verlässt der Partner in diesen "schlechten Tagen" noch dazu den gemeinsamen Haushalt. Leidtragende sind die Kinder. Väter und Mütter erleiden in dieser Situation denselben Schmerz wie Enkes. Einen Schmerz der droht dir schier die Luft abzuschneiden. Aber, es ist derselbe Schmerz den Enkes empfunden haben muss. Er, der Schmerz ist schlicht und einfach menschlich. Er ist unter uns. Wir müssen ihn nur sehen wollen.

Was macht nun gerade Enkes Schicksal zur Tragödie schlechthin. Was ist so anders?Warum erlebt ganz Deutschland und der internationale Fussballsport es so? Jetzt wo eigentlich das passierte, was er laut Abschiedsbrief vermeiden wollte. Die grosse, ungeteilte Öffentlichkeit fokussiert sich auf ihn. Warum fand er nicht die Kraft zu bleiben und hat sich der Situation gestellt? So, wie jetzt seinen Frau von der ersten Minute der schlimmen Nachricht an ihren Mann gestanden hat. Die Antwort werden wir nie erfahren. Einen Versuch wäre es vielleicht wert gewesen zu bleiben, sich zu outen. Und wenn, dann gäbe es noch immer diesen schrecklichen, nicht mehr korrigierbaren Weg.

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht"

Diese einfachen Worte, die eigentlich sehr viel aussagen, standen auf seiner Todesanzeige. Sie zeugen davon, dass er in seinen eigenen Ansprüchen gefangen war. Jedes Menschenleben ist es wert gerettet zu werden. Nur, schaffen wir uns nicht solcherart künstliche Idole, Götzen, sondern versuchen wir so zu leben, als hätten wir die Gewissheit, dass alles gut ausgeht. Wir nicht mit Scheuklappen durch den Alltag gehen. Egoistisch nach Höherem streben. Ellbogen einsetzen. Unmögliches verlangen. Menschlichkeit hinten anstellen. Enke litt unter Depressionen und Versagensängsten. Ein paar Monaten ging es ihm wieder gut, zumindest sagt er das. Aber er verstellte sich. Er täuscht sein Umfeld. Hat seine persönliche Lösung gewählt und ist den Weg dazu alleine gegangen.

Ich für meine Person habe mit diesem kollektivem Ausdruck von Betroffenheit nach dem Tode mancher Mitbürger und der Presse meine Probleme. Jeder trägt Zeit seines Lebens einen Rucksack mit jenen Teil, welche er fähig ist zu tragen. Der eine mehr, der andere weniger – menschlich gesehen bleibt es gleichwertig. Das ist doch der entscheidende Punkt. Egal ob Idol, Star oder einfacher Buezer.
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Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinung über die Dinge.
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