In den nächsten zwei Ausgaben möchten wir uns mit dem Eintrag von Attila von Unruh, Gründer des Selbsthilfenetzwerkes Anonyme Insolvenzler über Existenzkrisen und Firmenpleiten, befassen.
Ich bin insolvent. Ich kann nicht mehr. Es ist vorbei. (Attila von Unruh)
Insolvenz : Für mich verband sich damit das Ende. Gleichbedeutend mit Tod. Deshalb hatte ich es immer verdrängt, mich damit auseinanderzusetzen. Selbst als ich pleite war. Lieber kämpfen, weitermachen. Hoffen, dass alles nur ein böser Traum ist. Ich hatte doch keine Schuld an der Pleite – wie konnte ausgerechnet mir so etwas passieren?
Wie kam es dazu? Ich hatte verschiedene Firmen erfolgreich aufgebaut, war deren Gesellschafter und Geschäftsführer. Um Geld machte ich mir keine Sorgen und investierte alles immer wieder in die Firmen. Als ich sie verkaufte, sah die Zukunft viel versprechend aus. Doch der Käufer hielt sich nicht an die Verträge, schlimmer noch, er meldete mit der Firma, die er übernommen hatte, nach kurzer Zeit Insolvenz an. Als Folge wurden Bürgschafen fällig gestellt, für die ich noch persönlich haftete – der Albtraum begann, meine eigene Insolvenz war die Folge.
Insolvenz ist ein großes Tabuthema in Deutschland. »Man spricht nicht darüber«. Wer betroffen ist, kann in der Regel seine sozialen Kontakte nicht mehr bewahren – man gehört nicht mehr dazu, kann es sich finanziell einfach nicht mehr leisten, dabei zu sein. Selbst wenn die Freunde einen einladen möchten, will man sich nicht als Almosenempfänger fühlen – Rückzug ist häufig die Folge. Der Verlust des Selbstwertgefühls geht einher mit Scham. Unternehmer, die es gewohnt waren, Entscheidungen zu treffen, fühlen sich von ihrem Insolvenzverwalter »entmündigt«. Oft geht die Entwurzelung aus sozialen Kontakten einher mit dem Verlust der Wohnung. All das führt häufig zu schweren persönlichen Krisen, die sich dann auch auf die Ehe oder Partnerschaft auswirkten. Auch die Partner sind oft überfordert - sie sitzen meistens mit im sinkenden Boot.Gesprächskreis
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Was hat mir geholfen? Ich traf auf andere »Insolvenzler« – und merkte, wie gut es mir tat, auf Augenhöhe zu reden. Ich brauchte mich nicht zu schämen, mein Gegenüber wusste, wovon ich sprach. Wir hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich merkte: reden hilft. So entstand die Idee für den Gesprächskreis »Anonyme Insolvenzler«, der im Herbst 2007 in Köln startete. Die Regeln der Selbsthilfegruppe sind einfach: Eingeladen sind Menschen, die von Insolvenz betroffen sind, die Teilnehmer bleiben anonym, es wird Vertraulichkeit vereinbart, Probleme werden benannt, aber nicht bewertet. Eingeladen sind auch Menschen, die noch nicht in der Insolvenz sind und Hilfe suchen – denn die Zeit vor der Insolvenz ist für die meisten Betroffenen die schwerste Zeit.
Inzwischen ist ein bundesweites Netzwerk entstanden von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und es sind viele interessante Projekte aus dem Kreis der Betroffenen entstanden. Über das Internet wurde die Initiative schnell in ganz Deutschland bei vielen Betroffenen bekannt. Ich stelle einen ungeheuren Bedarf nach Kontakt bei ihnen fest. Wir erfahren bereits viel Hilfe. Die brauchen wir aber auch, denn wir haben noch viel vor, damit sich in Deutschland eine Kultur der zweiten Chance entwickelt.
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